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Insel
der Arbeitsemigranten - Die Kapverden
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EmigrationErst besiedelten sie als Sklaven zu Abertausenden die Inseln. Als sie sich nach Generationen etabliert hatten, fanden sie auf dem Archipel nicht mehr genügend Arbeit. Viele Kapverdeaner mußten sich in anderen Teilen der Welt verdingen, wollten sie dem Hungetod entkommen. Und so ist die Emigrationsgeschichte quasi die Fortsetzung der Sklaverei. Zunächst ließen sich Männer aus Brava auf amerikanischen Walfangschiffen anheuern. 1824 wurde der erste Mann aus Brava Staatsbürger der USA. Bewohner anderer Inseln taten es den Bravarianern gleich. Nicht alle hatten das Glück, in die USA zu geraten. Viele ließen sich nach Sao Tomé anwerben. Sie erhielten 50% ihres 5-Jahres-Lohnes im voraus bezahlt. In dieser Zeit lebten und arbeiteten sie unter entwürdigenden Verhältnissen auf den Zuckerrohrplantagen der Seuchen-Insel am Äquator. Nach fünf Jahren kehrten sie auf speziell gecharterten Schiffen zurück. Ihre Selbstachtung war am Boden. Binnen weniger Tage versoffen die meisten Männer das Restgeld, falls sie es überhaupt erhielten. Nun standen sie wieder vor dem Nichts. Und verpflichteten sich zu weiteren fünf Jahren nach Sao Tomé. In der Regel fuhr das (Sklaven)-Schiff eine Woche später mit voller "Ladung" zurück. In vielen Morna-Liedern wird dieser grausige Teufelskreis beklagt. Als US-Behörden die Emigration eindämmten (Stopp für Analphabeten - daraufhin forderte der Nationaldichter Eugénio Tavares Schulen auf allen Inseln), kamen neben Portugal andere europäische Länder in Betracht, aber auch der Senegal, Angola und Brasilien - immer abhängig von den Vermittlern, die auf den Inseln agierten, oder von Verwandten, die sich in der Ferne um Arbeit für Familienmitglieder bemühten. Die Kolonialmacht Portugal hatte längst die Bedeutung der Emigration erkannt, die die Ökonomie des Landes nicht nur entlastete, sondern bereicherte. Die Banken Lissabons förderten die Auswanderung. Die USA blieben natürlich das Ziel der Ziele, mehr und mehr nun auch holländische Reedereien, die gut bezahlte Arbeit anboten. Norwegen und Schweden offerierten Jobs. In Hamburg lebt eine 200-köpfige Kommune, außerdem fahren einige hundert mehr auf deutschen Schiffen irgendwo auf den Weltmeeren umher. Verläßt ein neuer Emigrant eine Insel, kommt es zu jammervollen Abschiedsszenen an Hafen oder Flugplatz. Wenn ganze Familien den Inseln den Rücken kehren, lassen sie meistens ihre Häuser leer stehen, ein Käufer findet sich sowieso nicht. Doch emigrieren nicht mehr nur die Männer: seit einigen Jahren sieht man immer häufiger herzzerreißende Szenen, wenn junge Mütter ihre Kinder bei der Großmutter zurücklassen, um in Italien, Spanien oder Frankreich als Hausmädchen zu arbeiten. Frauen werden wohl regelmäßiger als Männer die Überweisungen leisten, mit welchen sie die Familien zu Hause über Wasser halten. Mit diesen Deviseneinfuhren bestreitet der Staat ein Drittel seines engen Budgets. Mit dem Geld - knapp 320 DM (1994) pro Emigrant und Jahr - können die Unterstützten ein Leben führen, das sich deutlich von dem der Nicht-Unterstützten abhebt. Sie haben bessere Kleidung, bauen ihre Hütten und Häuser aus und verfügen über Radios und TV-Geräte. Schätzungen über die Gesamtheit der im Ausland lebenden Kapverdeaner belaufen sich auf etwa 650.000 Menschen, - fast doppelt so viele, wie auf den Inseln. Allein im US-Staat Massachusetts leben ebensoviele Kapverdeaner wie auf dem Archipel: knapp 350.000. Verlassen die Kapverdeaner ihr Land, so wollen sie das meistens nur für ein paar Jahre tun, Geld verdienen und dann wieder zurückkehren. Aber oft bleiben sie, verführt von den materiellen Vorteilen, für immer im Ausland. Gutverdienende machen jedes Jahr Urlaub auf den Inseln und sonnen sich in den mitgebrachten Errungenschaften westlicher Zivilisation. Natürlich gibt es die Re-Emigranten, die sich mit den angesparten Dollars und Gulden eine neue Existenz auf den Kapverden aufbauen. Der Staat hilt ihnen, wenn sie in Ladengeschäfte, Pensionen, Werkstätten und dergleichen investieren: Zu einem Drittel Eigenkapital schießt er zwei Drittel der Investitionssumme als langfristiges, zinsgünstiges Darlehen zu. "Normal-Bürgern" wird dieses Darlehen verwehrt. Problemlos ist die Situation der Rückkehrer aber nicht. Sie leben im Zwiespalt, weil sie sich meist weder in dem Land, in dem sie ihr Geld verdienten, noch mit ihrem Ursprungsland Kapverde identifizieren können. |
© 1999, Rolf Osang, RTB Kapverdische
Inseln, DUMONT Buchverlag Köln |
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